Störungen im Unterricht vorbeugen


Felicitas_Thiel

Störungen im Unterricht sind sowohl für Lehrkräfte als auch für Schülerinnen und Schüler eine Belastung. Die Qualität des Unterrichts hängt entscheidend davon ab, wie Lehrpersonen damit umgehen. Anhand von Videos können sie trainieren, kritische Interaktionsverläufe vorauszusehen und angemessen auf Störungen zu reagieren oder diese gar nicht erst entstehen zu lassen. Im Interview berichtet Prof. Dr. Felicitas Thiel von der Freien Universität Berlin, wie videobasiertes Training zu einem störungsfreien Unterricht beitragen kann.

Frau Professorin Thiel, bitte beschreiben Sie Ihr Projekt in einem Satz.
Es geht darum, Kompetenzen der Störungsprävention und -intervention zu trainieren,
vor allem bei Lehramtsstudierenden, die noch nicht viel Praxiserfahrung haben.

Warum ist das besonders wichtig?
Wir haben viele Befunde dazu, dass Unterrichtsqualität stark davon abhängt, dass
Lehrpersonen eine gute Störungsprävention machen und effektiv mit auftretenden
Störungen umgehen. Außerdem spielt die Störungsprävention auch für die seelische
Gesundheit von Lehrkräften eine große Rolle. Daher ist das ein ganz zentrales Thema der
Lehrerinnen- und Lehrerausbildung.
Nicht nur Lehrerinnen und Lehrer haben davon einen Nutzen, es ist immer ein zweiseitiges Verhältnis.
Was den Lehrpersonen nutzt, bringt auch den Schülerinnen und Schülern
etwas und umgekehrt. Wenn Lehrkräfte merken, dass sie guten Unterricht machen
und ihre Schülerinnen und Schüler voranbringen, dann nutzt das Ganze auch ihrer
seelischen und physischen Gesundheit.

Sie haben im Rahmen des Projekts Unterrichtsvideos entwickelt.
Wie sind Sie da vorgegangen?

Wir haben ein Modell der Kompetenzen entwickelt, die Lehrpersonen brauchen, wenn
sie Störungen effektiv vorbeugen und deren Auftreten unterbinden wollen. Zunächst
geht es darum, dass sie die relevanten Merkmale in einer sehr komplexen Situation
erkennen, sie richtig beurteilen und dann auf Handlungsstrategien zurückgreifen
können, die sie auch unter Handlungs- und emotionalem Druck schnell umsetzenkönnen.
All das kann man mit Videos sehr gut trainieren, gerade bei Lehramtsstudierenden,
die noch nicht viel Praxiserfahrung haben. Sie müssen die relevanten
Merkmale bemerken und diese gut beurteilen können. Und sie müssen wissen, aus
welchem Grund ein Schüler oder eine Schülerin stört und dann gute Strategien entwickeln
in der Auseinandersetzung mit den Videos.
Wobei man sich vorstellen kann, dass es kaum entsprechende Videos gibt, weil Lehrpersonen,
die in ihrem eigenen Unterricht massive Störungen erleben, nur selten
bereit sind, sich dabei filmen zu lassen. Wir haben aus diesem Grund die Methode der
scripted videos gewählt. Das sind Videos, die man mit Schauspielern – in unserem Fall
waren das Theater-AGs von Schulen – nach einem vorgegebenen Script aufnimmt.
Wir haben auf der Basis eines DFG-Projekts zu Klassenmanagement und Unterrichtsstörung
solche Störungssituationen analysiert und dann praktisch relevante Scripts
entwickelt, die häufig vorkommende massive Störungssituationen beschreiben. Diese
werden in einen Handlungsstrang eingebettet. Die Scripts wurden von Wissenschaftlerinnen
und Wissenschaftlern validiert und von Lehrpersonen auf Authentizität
geprüft und anschließend gefilmt.

Wie kann man sich eine typische Störsituation vorstellen?
Ein Video zeigt beispielsweise einen Schüler, der aufgefordert wird, eine Aufgabe zu
bearbeiten, aber stattdessen sagt er „Hier stinkt’s!“, läuft zum Fenster und reißt es auf.
Dabei kommuniziert er auch mit seinen Mitschülerinnen und Mitschülern, bekommt
entsprechende Aufmerksamkeit, und keiner hört der Lehrperson mehr zu. Es entsteht
also eine Art Welleneffekt, bei dem sich alle auf den störenden Schüler konzentrieren.
Da kann man sehr unterschiedlich reagieren, was wir mit den Schauspielerinnen und
Schauspielern in mehreren Sitzungen nachgestellt haben.
Wir freuen uns sehr, dass schon jetzt in der ganzen Bundesrepublik ein Interesse an
den Videos besteht. In ihnen werden vier Störungstypen in zwei Klassensituationen
dargestellt. Das Interessante ist, dass es eine dysfunktionale Entwicklung des Handlungsverlaufs
gibt. Und dann haben wir noch einmal dieselbe Ausgangssituation mit
einem funktionalen Handlungsverlauf gedreht. Es wird also dargestellt, was passieren
würde, wenn die Lehrperson sich von Anfang an anders verhält.
Wir sind gerade dabei, den Einfluss der einzelnen Komponenten zu testen. Vor Kurzem
haben wir zum Beispiel eine Studie zur Schülerperspektive durchgeführt. Hier
wird die Frage untersucht, ob Lehrpersonen eine Störungssituation anders beurteilen
oder ob sie ihre Emotionen, zum Beispiel Ärger, anders erleben, wenn sie die Erklärung
der Schülerinnen und Schüler für deren Störverhalten kennen. Wir konnten in
der Tat zeigen, wenn man den Lehrpersonen die Schülerperspektive zusätzlich zur
Störungssituation zeigt, können sie ihren Ärger besser regulieren und haben damit
bessere Voraussetzungen, effektiv auf Störungen zu reagieren.Sie haben ja auch umfassende Evaluationen durchgeführt.

Wie ist denn das Feedback der Lehrerinnen und Lehrern und auch
der Lehramtsstudierenden?

Wir haben nicht nur einfach nachgefragt, sondern den Nutzen auch empirisch überprüft.
Deshalb können wir die Effekte sehr gut abschätzen. Wir haben Effekte im Bereich des selbst
berichteten Wissens und bei einem objektiven Wissenstest. Studierende, die teilgenommen haben,
haben auch die Selbstwirksamkeitserwartung verbessert. Das heißt, die Teilnehmenden sagen,
sie fühlen sich auch besser gewappnet, mit solchen Herausforderungen
umzugehen. Außerdem haben sie die videobasierten Lernformate als sehr motivierend eingestuft.

Welcher Nutzen ergibt sich aus Ihrem Projekt?
Mit Störungen hat sich die Bildungsforschung eigentlich lange Zeit nur noch im Bereich der
Sonderpädagogik beschäftigt.  Im normalen Klassenzimmer waren Störungen in den letzten Jahren
ganz selten ein Thema der Forschung. Ich bin allerdings überzeugt davon,
dass dieses Thema sehr relevant für die Ausbildung von Lehrpersonen ist.
Und ich glaube, wenn wir diese Videos auf unserer Plattform einstellen, werden viele damit arbeiten.
Wir haben an der Freien Universität dieses Training auch schon implementiert, und das können andere
auch machen, wenn sie Zugriff auf die Videos haben. Wir würden die Videos gern zukünftig
systematisch verknüpfen mit sogenannten Micro-Teaching-Lerngelegenheiten.
Es bedeutet, dass die Personen schrittweise herangeführt werden an die Praxis.
Sie arbeiten erst mit fremden Videos, und dann versuchen sie, die Strategien,
die sie gelernt haben, in kleinen, weniger komplexen Situationen selbst zu erproben.
Da hat man dann nur fünf oder zehn Minuten und nur eine einzige Anforderung
zu bewältigen, beispielsweise eine Aufgabe für eine Gruppenarbeit anzusagen.
Es gibt acht Schülerinnen oder Schüler in verschiedenen Rollen, und es ist genau festgelegt,
wer kooperiert und wer stört. So können die angehenden Lehrkräfte ausprobieren,
wie sie diese Strategien, die sie sich durch das Video erarbeitet haben, praktisch umsetzen können